Ansichtssache

system-of-a-down


ein musiker hält mir am merchandise-stand seinen aktuellen
silberling unter die nase und meint dazu, daß, sofern ich sein
schaffen gut fände, ich hiermit bestens bedient wäre. neben-
bei würde ich ihn auch unterstützen bzw. die möglichkeit geben
sich seiner künstlerischen tätigkeit weiter zu widmen.
also nicht wie meine wenigkeit, um 7 uhr aus den federn, kurze
stimmprobe unter der kalten dusche und ab in die firma.
"es tut mir leid ich kaufe keine cds", erwiedere ich. sein blick
drückt skepsis aus, soll er sich überhaupt noch weiter mit mir
unterhalten? "du bist einer dieser downloader", stellt er nach
kurzer pause fest.
darauf erkläre ich ihm, daß wenn er meint seine kunst würde
nicht ausreichend gewürdigt oder abgegolten, er sich durch
minimale tonträgerverkäufe (denn an den verkauften mp3s
verdienen angeblich immer nur die anderen) den arsch ab-
touren müsse und ihm am ende trotzdem kaum etwas bleibt -
also nicht wie seine vorgänger, die, sofern sie ihren vertrag
gelesen haben, aufgrund von millionen tonträgerverkäufen
einen standesgemäßen lebensstil im sinne von sex, drugs &
rock `n´ roll pflegen konnten -
genau dies stück plastik in seiner hand der ausgangspunkt dafür
sei. wäre angenommen die compact disc nie erfunden worden,
stattdessen die schallplatte - exakt diese kaufe ich nämlich aus-
schließlich - das handelsübliche format, würden wohl kaum die
mehrzahl der musikinteressierten songs vom turntable auf den
computer transferieren, in mp3s umwandeln, bei der nächsten
tauschbörse feilbieten, als empfänger downloaden, wieder um-
formatieren sowie abschließend in vinyl schneiden. es wäre
zu aufwändig, zu teuer sowie unbefriedigend.
"je darüber nachgedacht", werfe ich ihm noch hinterher.
er runzelt ungläubig die stirn, nimmt einen großen schluck
aus seiner (mittlerweile warmen) bierdose, ringt sich ein
lächeln ab, entschuldigt sich und verlegt seine aufmerk-
samkeit auf weniger komplizierte interessenten.
okay, vielleicht hätte ich es mir doch verkneifen sollen, aber
das permanente, allseitige gejammere über den niedergang
des musikgeschäfts kann ich fast schon nicht mehr hören.
fragt mich mal über ticket- oder albumpreise.
Da_Godfather - 11. Jul, 22:49

STEEL this album

... so hätten SOAD vielleicht doch besser ihre Scheiben genannt haben. Haben sie aber nicht. Und ist auch für die weiteren Ausführungen eher doch irrelevant.

Verehrtester - interessante, und sehr nachvollziehbare Ausführungen. Zuerst aber einmal will ich zugeben, dass ich nicht so konsequent bin: stelle ich fest, dass ein Künstler, der mir geschmackstechnisch sehr zusagt auch über Sublizensierung keine Scherbe veröffentlichen wird, so erwerbe ich doch den Silberling. (Ich frage mich - um kurz abzuschweifen - ob es nicht doch einen tieferen Sinn darin gibt, dass CDs im eigentlichen Zustand in der Tat silbern erscheinen - genau die gleiche Farbe aufweisend wie die angebliche Bezahlung von Judas Ischariot - aber wie gesagt - das ist eine philosophische Abschweifung.)

Den Silberling erwerbe ich zwar widerwillig, aber wenn schon kein Vinyl erhaltbar sein wird, so bilde ich mir doch ein, den Künstler dadurch ein wenig zu unterstützen (oder sogar sehr stark, wenn er einer derjenigen ist, der seine ihm überlassenen PromoCDs für 10 TEuro auf seinem Konzert verscherbelt).

Einen Einwand will ich machen, wenn Verehrtester über den "Niedergang des Musikgeschäfts" schreiben. Ich habe nichts, aber auch gar nichts, gegen den Niedergang des Musikgeschäfts - verstehe ich doch darunter vorrangig alles, was unter dem Überbegriff "Musikindustrie" verstanden wird. Und die Musikindustrie - das führte ich schon an anderer Stelle aus - hat schliesslich aktiv und kurzfristig-geldgeil gedacht den eigenen Niedergang durch Einführung der digitalen Tonträger herbeigeführt.

Sch.... auf die bessere Tonqualität von Vinyls.
Sch... auf die bewusstere "Handhabung" von Vinyls und damit auch des ganz anderen Umgangs mit dem "Tonträger"- und vor allem auch dem Werk und dem Schaffen des Künstlers.
Sch... auf die künstlerischen Möglichkeiten in Punkto Verpackungsgestaltung (immer wieder gerne von mir zitiert: das zweifach ausklappbare eingelegte Poster der jungen Damen auf ihren Fahrrädern der "Jazz" von Queen - dies erstmal damals nur als Vinyl gab).

Alles unter dem Gesichtspunkt schnell noch mehr Geld pro verkaufter Einheit scheffeln zu können. Und das hat ja auch ein paar Jahre funktioniert. Und ich spreche hier jetzt noch gar nicht über die mp3 und die Downloads - sondern rein nur über die erstmalig gegebene Möglichkeit, technisch gesehen 1:1-Kopien ziehen zu können. Und die dadurch nicht sofort, aber mittelfristig provozierte und auch erhaltene Einstellung der Konsumenten, dass "das doch eh nicht das Geld wert ist und einfach kopiert werden sollte".

Wie wäre es, wenn ein Künstler nicht mehr auf Leinwand, geschweige denn ein Fotokünstler auf Fotopapier sondern gleich sein Werk als im Canon oder HP ausdruckbare Ware - mit entsprechender Formatbeschränkung - anlegen würde?

Undenkbar. Aber im "Musikgeschäft" aktiv vorangetrieben.

Nein. Das Musikgeschäft und die Musikindustrie: they all shall perish'

Albumpreise kann ich - in Teutonia meine TEuros rauswerfend - nicht ganz nachvollziehen. 12 bis 15 TEuro für eine Scherbe finde ich OK. Für Silberlinge wird ähnlich viel Asche abkassiert. Der Aber-Witz ist... meine erste Scherbe erwarb ich Herbst 1978 - für 14,99 DM. (Rainbow mit "Long live Rock'n'Roll") Einige Jahre später kamen die Silberlinge auf den Markt. Eine ganze Zeitlang nicht unter 29,99 DM. Wenn ich mir all die Preissteigerungsdiskussionen über die Jahrzehnte anschaue - die Musikindustrie hat hier ein Produkt geschaffen, dessen Endverbraucherpreis sich in seit Anbeginn nie veränderte. Schon irgendwie scary.

OK, ich bin dabei den Faden zu verlieren. Kommentieren ist dann doch eine andere Sache als selber zu schreiben. Aber Verehrtester: die Ticketpreise, das ist eine zweischneidige Sache finde ich sie zum untermauern einer Teuerungsquote zu verwenden. Ja, es gibt xy mit einem entsprechenden Namen, der schon auf dem Höhepunkt seiner öffentlichen Wahrnehmung 40 DM verlangte. Und heute will der Herr 80 Euro haben. Eine nominale Teuerung von 400 Prozent. Aber...

... ich will den eh nicht sehn für dieses Geld. Denn gleichzeitig, am gleichen Abend spielt Unbekannt&Soundso für 6 Euro in einem kleinen Laden. Und als ich seinerzeit noch meine Ibanez quälte, da kostete der Abend, bei dem auch unsereiner zu hören war im Jugendzentrum 6 oder 7 DM. Eine Teuerung von 100 Prozent. In einem Zeitraum von fast 30 Jahren. Das - finde ich - ist NADA. NIENTE. NOTHING.

Aber es gäbe zum Thema Ticketpreise in Kombination mit "Markt"Namen und Company-Marketing-Konzepten in der Tat sehr viel zu sagen. Ich lass es hier - danke eh für den überaus großzügig eingeräumten Raum.

Habe die Ehre, Verehrtester!

turntable - 12. Jul, 13:48

werda_godfather, danke für deinen ausführlichen und fackkompetenten kommentar.
die farbe der cd mit jener von den silberlingen für Judas zu vergleichen, das hätte mir einfallen sollen!
zu beginn der cd-ära wurde der markt mit 1:1 kopien (aber vom vinyl) überschwemmt und damit massiv verdient. jeder download ist gleichwertig.
der "niedergang des musikgeschäfts" wird nicht von mir propagiert, sondern von den medien, der industrie und den künstlern selbst in gebetsmühlartiger regelmäßigkeit.
unter 15.-- euro bekommst man kaum mehr ein album, für einen namhaften act mußt du 20.-- rechnen und bei den stars ist die preisspirale mit aufwendiger verpackung nach oben offen. nächstes jahr gelten dann die preise von heuer nicht mehr.
bei den ticketpreisen gibt es durchaus club- bzw. undergroundkonzerte mit fairer preisgestaltung. erst letzte woche sah ich My Mortality, Spoiler NYC sowie Life Of Agony zusammen um 20.- euro - war jeden cent wert. doch Status Quo wollten 45.-- euro, Coldplay kosten ab 50.- euro und Madonna würde 100.. wollen für ihr gehopse. da geht eindeutig der gaul durch.
das "jazz" album von Queen, für mich ihr bestes, war damals alleine schon wegen des posters den kauf wert.
für mich klingt musik vom vinyl definitv echter und es gab mal eine studie, daß es auch entspannender ist als in digitaler form. aber mir fällt hierbei immer die szene aus dem film "empire records", der in einem plattenladen spielt,ein. der verkäufer erklärt der kundin, das werk würde auf vinyl viel besser rüberkommen und gibt ihr eine hörprobe. vor lauter knistern hört man kaum musik.
auch ich habe hier schon mal angedacht man könnte für legale käufer des albums eine vergünstigung der tickets für die tour in aussicht stellen. eventuell über einen code wie bei den downloads der mp3s, welche manchen analogwerken beiliegen.
Shirtaddict - 14. Jul, 09:51

Schlimmer ist noch das immer weniger Tracks auf die CDs gepackt werden. So ein Durchschnittsalbum hat heute vielleicht 10 - 12 Lieder, der Preis ist an den Inhalt da in keiner Weise angepasst.

Ich bin begeisterter MP3-Hörer, einfach weil ich meine Musik immer mit mir rumtragen will. Auch, weil, da_godfather hat es ja schon erwähnt, der Umgang mit Vinyl mir zu aufwändig ist. Ich erinnere mich gerne an die Schallplatten meiner Kindheit, und auch an die Macken der ersten CD-Player.

Ich bin vor allem aber ein Freund des legalen MP3-Erwerbs. Plattformen wie iTunes, wo ich ein ganzes Album für 10 Euro bekomme, oder eben nur die Songs die ich wirklich haben will für einen Euro, sind es wo ich rumstöbere, wenn ich neue Musik suche. Das ist für mich als Konsument ein vernünftiges Preismodell, und ich muss nichts kaufen, dass ich nicht hören will.

Wie alles in der Welt hat eben auch Musik ihren Wert, und den muss man auch bereit sein zu zahlen. Im besonderen weil etwas für das ich Geld ausgegeben habe, auch einen größeren Wert für mich hat, als etwas, dass ich mir einfach illegal aus dem Netz gestohlen habe.

Was die Ticketpreise für Konzerte angeht: großteils unleistbar. Der Grund warum ich viel zu selten auf Konzerte gehe, obwohl die Stimmung dort nie zu schlagen ist...

Mir ist diese "Musikindustrie" egal. Ich bin Konsument. Damit bin ich zwar auch ein Teil davon, weil ohne Konsumenten gäbe es gar keine Musikindustrie, aber deswegen nehme ich noch lange keine Rücksicht auf die anderen Teile dieser Maschine...

turntable - 18. Jul, 23:29

eine cd fast ca. 70 minuten, doch musik wird immer noch produziert wie zu schallplattenzeiten bzw. kann man dann für eine doppel-cd natürlich mehr verlangen.
mp3-handling ist natürlich einfacher, aber in der von vinyl steckt mehr liebe.
nebenbei gibt es auch jede menge legaler gratis-downloads, die appetit machen sollen, im netz.
danke für deine interessante darlegung, shirtaddict.
syro0 - 27. Jul, 18:00

ich möchte darauf hinweisen, daß nur weil eine cd 70 oder 75 oder sogar 79 minuten enthalten könnte, es nicht notwendig ist, sie anzufüllen.
als ob man einem 200 seiten buch vorwerfen würde, die bindung hielte locker 800 aus ;-)
compilations nützen den platz oft genug und ein album variiert ja ohnehin stark in der länge. es gab auch lps, die nur rund 30 minuten enthielten (bisweilen sogar noch weniger, vgl. dolly partons "all i can do" mit 28, oder randy newmans debüt mit 25 (!)).
man sagt die cd-länge wurde so festgelegt, um beethovens 9. auf einer scheibe unterzubringen. und für die klassik und eingeschränkt auch für jazz (lange improvisationen wie keith jarretts solokonzerte o.ä.) hat das cd-format klare vorteile.
ich mag vinyl äußerst gerne, und bin ein großer anhänger des vinyl + download formates, um auch unterwegs mp3s hören zu können (heißt weniger: in der ubahn, als wenn ich länger nicht zuhause bin). für rock (im weitesten sinne) wohl das optimale format.
ripoffs gibt natürlich auch hier. ich weise nochmals auf die groteske länge (47 min) der doppel-vinyl von e.costellos letztem album hin, das noch dazu kurz als vinyl-only release geplant war.

mp3 (mit höherer bitrate) ist für andere zwecke hervorragend geeignet, wenn zB wie im hiphop der track eine stärkere einheit als das album ist, oder auch für popsingles, alleine um rohstoffe zu sparen (wer kauft schon cd-singles?).

ich bin froh, daß sich langsam ein realistischer (zT ohne major-labels funktionierender, und nicht mehr ganz ideologisch verbrämter) umgang mit den formaten durchsetzt. vielleicht kehren wir wieder zu jenem punkt zurück, wo musiker vielleicht keine multimillionäre mehr werden, aber durchaus von ihrer tätigkeit leben können, d.h. von auftritten und von studioproduktionen, egal wie sie letzten endes vertrieben werden.
turntable - 12. Aug, 14:30

grundsätzlich richtig, syroo.
ärgere mich immer wieder, wenn z.b. bei einem doppelalbum nur drei seiten bespielt sind. das 200 seiten buch läßt ja auch nicht 100 seiten frei, wenn sich 300 ausgingen.
mit "wie lps produziert" meine ich, daß sich künstler z.b. bei der besprechung ihres werkes (und der produktion) oft lp-formen bedienen. "man muß sich das album in zwei seiten denken" etc..
aber eine halbe cd füllmaterial hält wohl keiner aus, dann lieber weniger musik.
danke für die darlegung deiner sichtweise.
ClarissaS - 14. Jul, 13:49

Vielsagenderweise entdeckt die Musikindustrie Vinyl als Einnahmequelle ja gerade neu. Habe die Tage gelesen (den Originalartikel finde ich natürlich nicht mehr - typisch), daß die CD-Verkäufe in den USA zwar stark zurückgegangen seien, aber der LP-Verkauf boomt. Fragt sich, wie die Zukunft der CD aussieht? Ich persönlich mag den Silberling ja sehr gern, bin aber auch durchaus Vinyl-Enthusiastin.
Hier ist noch was zum Thema: Klick!

turntable - 18. Jul, 22:49

ja, die lp-verkäufe boomen schon länger, doch der zuwachs bewegt sich im einstelligen prozentbereich - aber es geht voran.
wirtschaftsleute sagen der cd keine rosige zukunft vorher, da die beziehung zwischen artikel und konsument nie so richtig innig wurde.
als datenträger wird sie wahrscheinlich erhalten bleiben.
freut mich, daß du der schallplatte positives abgewinnen kannst.
danke für deinen beitrag und den lesenswerten link, clarissa.

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in jeder hinsicht, denn vinyl kann man theoretisch auch ohne strom- oder batteriebetrieb abspielen. es würde, rein mechanisch, sogar mit dem eigenen fingernagel funktionieren. probiert das mal mit einer cd, dvd oder mp3. oder eines der genannten formate rückwärts abzuspielen und dann auch noch die teuflische botschaft verstehen. viel vergnügen!

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